Holunder
Botanisch: Sambucus Nigra.
Der Strauch und Baum der Frau Holle.
Frau Holle aber ist die märchenhafte Reduktion der alten Göttin Hel.
Hel, die Verborgene, die Verbergende, die Bergende, ist eine Personifizierung
des gebährenden und verschlingenden kosmischen Prinzips - durch zunehmende
Patriarchalisierung der germanischen Stämme in die Hässlichkeit gedrückt. Ursprünglich
aufgefaßt wohl Quell und Ziel aller Schönheit und Harmonie.
Lebengeben und -nehmen als Aspekte transzendierender Zyklen!
Also: Holla Hop!
"Holz", das "Heil", die "Hölle", die "Höhle", "Hellas" & die "Hellenen", "Helios", der "Heliant",
"Hellena", die "Hohlheit" - aber auch die "Kuhle", die "Kehle", die "Kelle", die "Kelten";
Abkömmlinge der indogermanischen Stammsilbe "Kel" .
"Kel!" riefen unsere Ahnen im Sinne von "Verbirg Dich!" als Warnruf bei Gefahr!
Eine Holler zu schneiden bringe Unglück (Na! - doch wohl nicht dem Flötenbauer!),
ihn am Haus zu haben schütze es vor bösem Geist.
Eine mittelalterliche Sage erzählt, Jesus von Nazareth sei an ein Kreuz aus Holler gekreuzigt
worden (wohl um die volksgläubig-(rest)pagane Verehrung dieses Baumes zu unterminieren).
Auch habe Judas Iskariot sich an einem Holler erhängt (was wohl wieder eine Assoziation dieser
Pflanze mit dem Bösen signalisieren sollte).
Warum dieser Baum in alten Zeiten ein solch intensive Wahrnehmung &
Reflexion nötigte läßt sich nun wiederum aus Folgendem zwanglos schließen:
Will einer rauchen, und es gibt keine Manufaktur, keine Fabrik, die ihm
die Pfeife andreht, so wird er sich deren Stil aus einem Hollerast schnitzen.
Nichts bietet sich besser zur Aushöhlung mithilfe einfachster Werkzeuge an.
Wenn einer Flöten will, und hat keine Drechselbank, keine Maschienenbohrer, so schnitzt er
sich (Hey Ho: nach wie vor!) seine Flöte aus - Holunder! Es ist das eigentliche Flötenholz
Europas!
Liegt einer frierend darnieder, so findet er in den Holunderblüten eine äußerst potente
Medizin zu Erwärmung von Leib & Seele. Auch treiben sie den Schweiß und einigen so das Blut.
Und wollte einer gesund durch den Winter gelangen, so tat (und tut) er gut daran einen
anständigen Vorrat an Holunderbeeren anzulegen, deren wohlige Säure Wiederstandskraft gibt.
So ist Sambucus Nigra natürlicherweise auch mit den Sphären des Rauchens (urtümlich sakral!),
der Musik und der Gesundheit (auch uns Nachgebohrenen ein höchstes Gut!) untrennbar
verbunden.
Wie soll ein solches Gewächs nicht der Heiligung durch die Völker teilhaftig sein!
"Frau Holle,
Frau Holle,
Gib mir von Deinem Fleisch!
Wenn ich einst sterbe,
Geb ich Dir von meinem!"
Selbst noch die verballhornte Frau Holle des Grimmmärchens!
Sie wohnt in einem Todesland am Grunde des Brunnes, welches auch ein himmlisches ist, aus
welchem es schneit. Sie lohnt die Güte und das einfache Herz. Und was ist Goldmaries Gold denn
anderes als das Sinnbild des Lichtes! Gold ist die Sonne. Und sie straft - oder es straft sich -
die Berechnung, die Falschheit, die Faulheit und die Gier. Pechmaries Pech will mir als die
Finsternis der Verblendung scheinen.
Mir ist der Bau und das Spiel von Flöten in diesem Holz auch Veranschaulichung und
Verinnerlichung des wohl - trotz aller Gegenkräfte - unbrechbaren Kontinuums menschlichen
Sehnens und Strebens nach Schönheit, Güte, Wahrhaftigkeit und Harmonie!